Geisterspiegel.de über "Das wunderbare Drachenbuch" am 28. Dezember 2010:

Mit einem Drachen verbinden die meisten Menschen hierzulande wohl nicht ein liebenswertes Geschöpf, das mit den Menschen, mit denen es zu tun hat, friedlich zusammenlebt und ihnen hilft, sondern eher ein riesiges, böses Wesen, das Feuer speit, ganze Länder verwüstet und zur Plage wird, edle Jungfrauen raubt und oft auch auf grausame Weise jeden tötet, der sich ihm in den Weg stellt.
Mit der zweiten, nunmehr stark überarbeiteten Fassung ihres »wunderbaren Drachenbuchs«, das im November 2010 im Crago- Verlag in Weikersheim erschienen ist, wollen die Herausgeber J. Heinrich Heikamp und Markus T. Schönrock eine allzu negative Sicht dieser mythenhaften Kreaturen korrigieren. Gerade auch, um einer in unserer modernen Fantasyliteratur vorherrschenden Darstellung böser, blutrünstiger Drachen entgegenzuwirken, haben sie in ihrer Anthologie Geschichten abgedruckt, in welchen diese Fabelwesen eher als gütige, hilfsbereite und weise Geschöpfe beschrieben werden.

In den nun folgenden Absätzen sollen die Geschichten der Anthologie skizziert werden:

In ihrer Geschichte »Xenia, das Drachenmädchen« beschreibt Ursula Sieberichs, wie die beiden verwaisten Drachenkinder Xenia und Xerus aufeinandertreffen, als Kinder zunächst miteinander spielen, dann aber erwachsen werden, Gefühle füreinander entwickeln, eine Familie gründen und ihren gemeinsamen Sohn Arik vor einem gefräßigen Krokodil retten.

In Hanno Bergs märchenhafter Geschichte »Der verschwundene Fürst« geht es um einen jungen Mann, der mit der Hilfe eines guten Drachens sein Land von der Tyrannei einer Gruppe schwarzer Magier befreit, indem er den verschwundenen ehemaligen Herrscher des Landes auf wunderbare Weise wiederfindet.

Andrea Tillmanns führt mit ihrem Text »Drachenfeuer« in eine Welt ein, in welcher Drachenführer den Menschen gegen Geld Drachen zeigen, die kaum diesen Namen verdienen, weil sie klein, alt und unscheinbar sind und meist nicht mehr fliegen können. Dort erinnert sich das Mädchen Kira bei der Begegnung mit solch einem Drachen an das Goldene Zeitalter, in welchem die Drachen noch »richtige« Drachen waren.

Peter Scholz erzählt in seiner Geschichte »Hier wachen Drachen« die Geschichte des dreizehn Jahre alten Jungen Torben, der als Mutprobe in einem Laden eine bestimmte Drachenfigur stehlen soll. Er stiehlt eine Figur und rennt davon. Seine Freunde stellen fest, dass er die falsche Figur gestohlen hat, und verlassen ihn. Da wird die Figur plötzlich lebendig. Der Ladenbesitzer, der dem Jungen gefolgt ist, krault den nun lebendigen Drachen und sagt zum traurigen Torben: »Könnt ihr denn nicht lesen? Auf dem Schild an der Ladentür steht groß und breit: Hier wachen Drachen!«

Gabriele Matzantke erläutert augenzwinkernd in »Der Letzte seiner Art«, wie der letzte Wunschdrache Fafnir in einer Welt, in der die Menschen keine Herzenswünsche mehr haben und deshalb keine Wunschdrachen mehr brauchen, zum Grund des Vulkansees tauchen und sterben will. Im letzten Moment retten ihn der kleine Kauz Schnuff und die anderen Tiere, indem sie sich wünschen, dass Fafnir bleiben und ihr Freund werden möge. Beweis für die weitere Existenz des Wunschdrachen ist es, dass auch heute noch manchen Menschenkindern Wünsche in Erfüllung gehen, die nicht mit Geld zu erfüllen sind.

In ihrer Geschichte »Von Drachen und Engeln« schreibt Alexa Testa über die Liebe eines Drachen namens Barnabas zu einem Engel mit Namen Aniela. Sie helfen gemeinsam in Menschengestalt den Geschöpfen, die im unendlichen Dunkel der Unterwelt unter den Straßen der Menschen hausen. Barnabas erfährt vom weisen Drachenpriester, dass er Aniela nur dann zur Frau bekommen kann, wenn er sich wieder in einen Menschen verwandelt, für immer Mensch bleibt und sein Drachenleben aufgibt. Dann aber könnte Aniela von der Welt abberufen werden, und er müsste allein zurückbleiben und als Mensch leben. Nachdem sie dafür gesorgt haben, dass in die Unterwelt entsandte Soldaten von den dort lebenden Ausgestoßenen ablassen, wird Aniela abberufen, und Barnabas lebt künftig zufrieden als Drache im Drachenland, da er sich zum letzten Schritt zuvor noch nicht entschlossen hatte.

Dominik Matzantke beschreibt in »Manchmal trügt der Schein« nicht ohne ein wenig Ironie, wie das Burgfräulein Isigunde vom Hof verschwindet. König Brimborium erfährt, dass sie von einem Drachen entführt wurde, und ruft seine Truppen zusammen. Als sich aber keiner getraut, dem Feuer und Schwefel speienden Drachen die Stirn zu bieten, geht der König allein zu seiner Höhle, um ihn zu überreden, seine Tochter freizulassen. Dabei aber erfährt er, dass Isigunde freiwillig zum Drachen gezogen ist, um der Heirat zu entgehen, die der König gegen ihren Willen für sie beschlossen hat. Da verspricht ihr der König die Erfüllung jeden Wunsches, wenn sie mit ihm zieht. Sie küsst am Ende den Drachen, der verwandelt sich in einen Prinzen, und die beiden heiraten.

Willi Corsten erzählt, wie »Feuerdrache Friedolin« durch allzu viele Feuerstöße seine Feuerkraft verliert. Er kann sie nur durch Baden im Feuersee zu einer ganz bestimmten Zeit wiedererlangen. Aber auf einer Insel inmitten dieses Sees lebt der böse Drache Echsentod, der jeden tötet, der sich dem See nähert. Mit einem Schmunzeln erläutert der Autor, wie der kleine Drache Friedolin mit der Hilfe von anderen Tieren Echsentod besiegt und sein Ziel erreicht.

In der vorletzten Geschichte des Buches schließt Simon, der Prinz von Wendland, einen »Pakt mit dem Drachen«, den er nach dem Willen des Volkes besiegen muss. Autorin Ulrike Stegemann beschreibt, wie der Prinz, der voller Angst und Zweifel ist, mit dem Drachen verabredet, so zu tun, als ob er ihn im Kampf besiege und die Prinzessin, die er geraubt habe, befreie.

Am Ende der Anthologie singt J. Heinrich Heikamp in »Abend am Drachenfelsen« fast lyrisch ein Lied von alten, vergangenen Zeiten, in denen mächtige Drachen die Lüfte beherrschten und die Geschicke ganzer Königreiche lenkten, und von einer neuen Zeit, in welcher die Menschen allein herrschen und die Drachen all ihre Kräfte im Kampf gegen die dunklen Mächte, den sie für diese Menschen führten, verloren haben.

Abgerundet wird das Bild dieser Anthologie »für ein wenig mehr Toleranz«, die sowohl Jugendlichen als auch jung gebliebenen Erwachsenen Freude bereiten soll, durch interessante, zum Teil farbige Illustrationen von Christa Mühlhens- Seidl, Iris N. Inge, Heinrich Schmidt und Ursula Schachschneider.

Copyright © 2010 by Wolfgang Wiekert